Das Paradoxon des Composable ERP
Die versteckten Kosten der Modernisierung veralteter Kernsysteme

Sie lesen eine verkürzte Version unserer strategischen Analyse der Option "Auf ECC bleiben, am Edge innovieren".
1. Executive Summary
Das Narrativ des „Composable ERP“ gewinnt bei SAP ECC-Kunden, die die Kosten einer S/4HANA-Migration scheuen, zunehmend an Bedeutung. Das Versprechen klingt verlockend: Einen stabilen, abgeschriebenen Legacy-Kern beibehalten und gleichzeitig durch Best-of-Breed-Integrationen, KI-Tools von Drittanbietern und Cloud-native Anwendungen am „Edge“ innovieren. Diese Strategie birgt jedoch versteckte Risiken, die sich letztlich als kostspieliger erweisen können als die vermiedene Migration. Dieses Whitepaper untersucht die strategischen Folgen eines Aufschubs der S/4HANA-Einführung und beleuchtet die Wettbewerbsnachteile durch das Fehlen nativer Innovationen wie SAP Joule, eingebetteter KI/ML-Funktionen und integrierter Analyseplattformen. Führungskräfte müssen verstehen, dass Composable ERP keine risikofreie Alternative ist, sondern ein völlig anderes Risikoprofil darstellt.
2. Die Logik des Composable ERP
Die Strategie basiert auf fünf Kernprämissen:
1.
Stabilität des Kerns: ECC-Systeme, die heute funktionieren, werden dies auch morgen tun. Der Transaktionskern benötigt kaum Weiterentwicklung.
2. Innovation am Rand (Edge): Moderne Funktionen (KI, Analytics) können über APIs um den Legacy-Kern herum aufgebaut werden.
3.
Vermeidung von Kosten: Der Verzicht auf S/4HANA eliminiert massive Transformationskosten und Geschäftsunterbrechungen.
4.
Anbieterunabhängigkeit: Best-of-Breed-Tools erhöhen die Flexibilität und verhindern einen Vendor Lock-in.
5.
Kontrolle über den Zeitplan: Das Unternehmen behält die Souveränität über den Zeitpunkt der Transformation.
Für die Geschäftsführung adressiert dieser Ansatz legitime Schmerzpunkte: Die Sorge des CFO um den ROI, die Bedenken des CIO hinsichtlich technischer Komplexität und das Risiko des CEO bezüglich Betriebsunterbrechungen.
3. Die versteckte „Architektur-Steuer“
3.1 Die Integrationsfalle
Moderne APIs lassen die anfängliche Integration einfach erscheinen, doch jede weitere Komponente erhöht die Komplexität exponentiell:
● Datensynchronisation: Konsistenz in Echtzeit zwischen ECC und Edge-Systemen erfordert permanente Überwachung. Eine einzige Stammdatenänderung kann Updates in 5–10 Systemen auslösen.
● Versionierung: Updates von Drittanbietern erfordern ständige Kompatibilitätstests im gesamten Ökosystem.
● Semantische Abweichungen: Systeme entwickeln unterschiedliche Definitionen von „Kunde“ oder „Produkt“, was zu einem dauerhaften operativen Abstimmungsaufwand führt.
Praxisbeispiel: Ein Fertigungsunternehmen mit ECC-Kern und sieben Edge-Systemen wendet ca. 18–25 % seines IT-Budgets allein für die Wartung dieser Integrationen auf – Geld, das für echte Innovation fehlt.
3.2 Die API-Illusion
APIs eliminieren die zugrunde liegende Komplexität nicht:
● Latenz: Jeder Integrationsschritt addiert Verzögerungen, was Prozesse im Vergleich zu nativen Workflows träge macht.
● Fehlerfortpflanzung: Die Fehlersuche über mehrere Ebenen dauert im Schnitt 3- bis 4-mal länger als in integrierten Systemen.
● Sicherheitsrisiken: Jede Schnittstelle vergrößert die Angriffsfläche.
4. Der Innovationsverlust
4.1 Joule und Embedded AI: Ein Paradigmenwechsel
Viele Führungskräfte halten SAP Joule für eine reine Benutzeroberfläche. In Wahrheit ist Joule tief in das Datenmodell und die Geschäftslogik von S/4HANA eingebettet:
● Kontextwissen: Joule versteht die semantischen Zusammenhänge – wie Verkaufsaufträge die Produktionsplanung beeinflussen oder Materialbewegungen den Einkauf triggern.
● Proaktive Intelligenz: Da Joule innerhalb von S/4HANA agiert, kann es Prozesse in Echtzeit überwachen und Anomalien melden. Externe KI-Tools arbeiten immer nur mit verzögerten Datenkopien.
● Vollwertige Workflows: Joule kann Transaktionen ausführen und Genehmigungen innerhalb des SAP-Sicherheitsframeworks einleiten.
4.2 Die Analyse-Lücke
In S/4HANA gibt es dank der In-Memory-Architektur (HANA) keine Trennung mehr zwischen Transaktion und Analyse. Daten stehen ohne Zeitverlust für Echtzeit-Entscheidungen bereit. Im Gegensatz dazu benötigt ECC separate Data Warehouses und ETL-Prozesse, wodurch Daten oft Stunden oder Tage alt sind, wenn sie analysiert werden. Dies kann bei schnellen Marktveränderungen zu entscheidenden Umsatzverlusten führen.
5. Der wirtschaftliche Vergleich (TCO über 7 Jahre)
Die Annahme, Composable ERP sei günstiger, ist oft ein Trugschluss:

Hinweis: Illustrative Zahlen, variieren je nach Unternehmensgröße und individueller Situation
6. Der strategische Wendepunkt
Ein dauerhaftes Verbleiben auf ECC ist nur in seltenen Ausnahmefällen sinnvoll (z.B. geplanter Exit innerhalb von 24 Monaten oder extrem spezifische Legacy-Anforderungen).
Für die meisten Unternehmen ist S/4HANA ein strategisches Muss, wenn:
● Wettbewerber bereits auf Echtzeit-Analysen und KI setzen.
● Kunden eine Reaktionsfähigkeit auf „Amazon-Niveau“ erwarten.
● Der Fachkräftemangel den Betrieb veralteter Systeme erschwert.
7. Fazit: Über falsche Dichotomien hinaus
Das Composable-ERP-Narrativ bietet psychologischen Komfort, ist aber für die meisten Unternehmen keine langfristige Strategie, sondern ein Aufschubmechanismus. Die Frage ist nicht, ob migriert werden muss, sondern wann und wie.
Handlungsempfehlung für das Management:
1.
Fundierte Analyse beauftragen: Eine realistische TCO-Rechnung inkl. Opportunitätskosten erstellen.
2.
Annahmen hinterfragen: Prüfen, ob das Festhalten an ECC eine strategische Wahl oder ein Reflex zur Risikovermeidung ist.
3. Wettbewerbsrealität anerkennen: Märkte warten nicht darauf, dass eine Organisation „bereit“ ist.
Ein Aufschub mag taktisch klug erscheinen, erhöht aber oft die Komplexität und die Kosten der unvermeidlichen Migration in der Zukunft.
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