Das Clean CORE Dogma
Kritische Analyse des SAP Clean Core-Konzepts

Clean Core verstehen
Das Clean Core-Konzept bei S/4HANA-Transformationen betont die Beibehaltung des SAP-Standardsystems mit minimalen Modifikationen und verlagert Anpassungen auf Erweiterungspunkte, Side-by-Side-Architekturen und SAP-genehmigte Modifikationsframeworks (BAdIs, Enhancement Spots, Key User Extensibility).
Kritische Einschränkungen von Clean Core
1. Idealismus vs. Geschäftsrealität Clean Core geht davon aus, dass sich Geschäftsprozesse den SAP Best Practices anpassen können, aber viele Organisationen haben legitime, wettbewerbsvorteilsgetriebene Prozesse, die nicht zum SAP-Standard passen. Ein erzwungenes Anpassen erzeugt operative Reibungsverluste.
2. Verlagerung versteckter Komplexität Anstatt Komplexität zu eliminieren, verlagert Clean Core sie oft auf Integrationsschichten, Side-by-Side-Systeme und Middleware, wodurch verteilte Komplexität entsteht, die schwerer zu analysieren und zu warten ist.
3. Intensivierung der Herstellerabhängigkeit Das Paradigma erhöht die Abhängigkeit von SAPs Erweiterungs-Framework und BTP (Business Technology Platform), schränkt die Flexibilität ein und erhöht die langfristigen Kosten.
4. Performance-Overhead API-basierte Erweiterungen und Side-by-Side-Architekturen führen Latenz und Integrationspunkte ein, die die Echtzeit-Transaktionsperformance beeinträchtigen können.
5. Verstärkung der Qualifikationslücke Teams benötigen Expertise über mehrere Technologien hinweg (BTP, CAP, RAP, Fiori, ABAP Cloud) anstelle konsolidiertem ABAP-Wissen, was Schulungskosten erhöht und Talentknappheit verschärft.
6. Innovationseinschränkungen Erweiterungs-Frameworks limitieren das technisch Mögliche im Vergleich zu Kernmodifikationen und können die Innovation in der Prozessoptimierung behindern.
Alternative: Controlled Core-Strategie
Kernprinzipien
Strategische Modifikations-Klassifizierung - Anpassungen nach Geschäftswert und Lebenszyklus klassifizieren, selektive Kernmodifikationen bei Rechtfertigung erlauben und gleichzeitig Disziplin wahren.
Modifikations-Governance-Framework - Klare Kriterien, Genehmigungsprozesse und Dokumentationsstandards für Kernänderungen etablieren statt pauschales Verbot.
Hybrid-Architektur - Maßvolle Kernmodifikationen mit modernen Erweiterungen kombinieren und den richtigen Ansatz pro Anwendungsfall wählen.
Implementierungs-Framework
Stufe 1: Geschützter Standard (Keine Modifikationen)
- Finanzbuchhaltungs-Kern
- Standard-Beschaffung
- Basis-HR-Lohnabrechnung
Stufe 2: Gesteuerte Modifikationen (Mit Genehmigung erlaubt)
- Branchenspezifische Prozesse
- Wettbewerbsdifferenzierungsmerkmale
- Performance-kritische Workflows
- Komplexe Integrationen, bei denen API-Overhead nicht vertretbar ist
Stufe 3: Bevorzugte Erweiterungen (Standard-Ansatz)
- Reporting und Analytics
- User Experience-Verbesserungen
- Add-on-Funktionalitäten
- Nicht-kritische Prozessvarianten
Vergleichende Analyse
Clean Core
Vorteile:
- Einfachere SAP-Upgrades und Patch-Anwendung
- Reduzierter Regressionstestumfang
- Bessere SAP-Support-Qualität
- Cloud-fähige Architektur
- Geringere Akkumulation technischer Schulden
Nachteile:
- Rigide Geschäftsprozess-Einschränkungen
- Höhere initiale BTP/Erweiterungs-Kosten
- Performance-Overhead durch Integrationen
- Steile Multi-Technologie-Lernkurve
- Potenzieller Verlust der Wettbewerbsdifferenzierung
- Komplexes verteiltes Debugging
Kostenprofil: Niedrigere langfristige Wartung, höhere initiale Implementierungs- und Lizenzkosten
Controlled Core
Vorteile:
- Flexibilität und Optimierung der Geschäftsprozesse
- Erhalt von Wettbewerbsvorteilen
- Bessere Echtzeit-Performance für kritische Prozesse
- Nutzt vorhandene ABAP-Expertise
- Niedrigere initiale Implementierungskosten
- Vereinfachte Architektur für Kernoperationen
Nachteile:
- Komplexere Upgrade-Prozeduren
- Umfangreichere Regressionstestanforderungen
- Potenzial für technische Schulden bei schlechter Governance
- Modifikationskonflikte bei Patches
- Erfordert starke Governance-Disziplin
- Kann Cloud-Migration verkomplizieren
Kostenprofil: Niedrigere Initialkosten, potenziell höhere Wartung bei Governance-Versagen
Empfehlung: Risikoadjustierter Hybrid-Ansatz
Für die meisten Organisationen: Mit Controlled Core-Tendenz beginnen
- Assessment-Phase: Modifikations-Wertanalyse durchführen
- Aktuelle Anpassungen auf Geschäftswert mappen
- Echte Differenzierungsmerkmale vs. technische Schulden identifizieren
- Performance-Auswirkung der Externalisierung berechnen
- Governance-Implementierung:Modifikations-Review-Board erstellen
- Klare Genehmigungskriterien etablieren (ROI > X, Geschäftskritikalität, Performance-Anforderungen)
- Umfassende Dokumentation vorschreiben
- Automatisiertes Modifikations-Tracking implementieren
- Strategische Allokation:Clean Core für 60-70% der Funktionalität nutzen
- Kernmodifikationen für High-Value-Szenarien reservieren (20-30%)
- Modifikations-Auslauf-Richtlinien etablieren
- Kontinuierliche Verfeinerung:Jährliche Modifikationsportfolio-Review
- Schrittweise Externalisierung von Low-Value-Anpassungen
- Upgrade-Impact-Metriken überwachen
Wann Clean Core sinnvoll ist:
- Greenfield-Implementierungen mit Standardprozessen
- Branchen mit hoher SAP-Standard-Passung (Großhandel, Basisfertigung)
- Cloud-First-Strategie-Mandate
- Organisationen mit begrenzten technischen Teams
Wann Controlled Core überlegen ist:
- Brownfield-Transformationen mit wertvollem bestehendem IP
- Stark differenzierte Geschäftsmodelle
- Performance-sensitive Operationen (Hochfrequenzhandel, Echtzeit-Fertigung)
- Komplexe regulatorische Anforderungen mit tiefer Integration
Fazit
Clean Core ist ein wertvolles Konzept, sollte aber als Leitprinzip und nicht als Dogma behandelt werden. Die
Controlled Core-Strategie bietet pragmatische Balance und erkennt an, dass Wettbewerbsvorteile oft in operativer Einzigartigkeit liegen. Der Schlüssel ist nicht Modifikationsvermeidung, sondern Modifikationsdisziplin – zu wissen, wann Anpassungen Wert schaffen versus technische Schulden.
Erfolgsformel: Strategische Flexibilität + Starke Governance + Kontinuierliche Optimierung
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